Die hölzerne Linie von Bebek bis Kandilli
Als ich letzten Herbst von den Hügeln Kandillis aus blickte, zeichneten sich bei Sonnenuntergang die Silhouetten einiger Villen am anatolischen Ufer des Bosporus ab, die noch immer stolz aufrecht stehen. Diese Bauten gehören zu den raffiniertesten Beispielen osmanischer Holzbauarchitektur des späten 19. Jahrhunderts. Die Erker- und Vorbau-Systeme an ihren Fassaden erweitern nicht nur den Innenraum, sondern bieten auch eine atemberaubende Panoramasaicht aufs Meer.
In den meisten Villen wurden die unteren Etagen aus Stein oder Ziegelmauerwerk errichtet, die oberen Stockwerke hingegen komplett in Holzfachwerkbauweise. Dadurch sind sie vor Feuchtigkeit geschützt und gleichzeitig leichter – und somit erdbebensicherer. Die direkt am Wasser liegenden Gartenmauern vermitteln am intensivsten die enge Verbindung der Villa mit dem Meer.
Beim Spaziergang zwischen Kandilli und Vaniköy kann man noch bei einigen Villen die originalen holzvergitterten Fenster in Funktion erleben. Diese Fenster schützen die Privatsphäre und sind meisterhaft so gestaltet, dass sie die vom Bosporus kommende Brise hereinlassen.

Die Funktion der Erker und der Rhythmus der Fassade
Das charakteristischste Merkmal der Bosporus-Villen sind die drei- oder fünfeckigen Erker im zweiten und dritten Stock. Diese Erker sind nicht nur ästhetisch, sondern auch funktional. An Sommerabenden waren sie der Lieblingsplatz der Familien. Das vom Wasser reflektierte Licht tanzt auf den perlmuttverzierten Decken der Erker.
Die Holzarbeiten erreichen ein ganz anderes Niveau. Besonders die von Meistern aus Amasya und Kastamonu gefertigten geschnitzten Geländer tragen in jeder Villa ein anderes Motiv. Bei manchen dominieren Tulpen, bei anderen Nelken, wieder andere zeigen geometrische Verflechtungen. Diese Details spiegeln den Geschmack der Epoche und die Handschrift des Meisters wider.
Heute sind zwar die meisten dieser Villen restauriert, doch diejenigen, die ihre originale Holzstruktur bewahren, werden immer weniger. Selbst bei restaurierten Objekten zeigt sich vor Ort das eigentliche Problem: wie die Feuchtigkeit das Holz langsam zersetzt.

Die noch erhaltenen Villen auf der europäischen Seite Istanbuls
Auf der europäischen Seite sind in Yeniköy und Tarabya noch einige Villen zu sehen, die meist über eine repräsentativere Fassadengestaltung verfügen. Hier stehen statt Erkern meist großzügige Balkone und kunstvoll geschmiedete Geländer im Vordergrund. Pavillons und Brunnen im Garten bilden das Herz des gesellschaftlichen Lebens der Villa.
In den meisten dieser Villen diente das Erdgeschoss früher als Bootshaus und Dienstbotenbereich. Diese direkt mit dem Meer verbundenen Etagen werden heute meist als Parkplatz oder Lager genutzt. Die originalen Steinpier-Spuren sind jedoch noch deutlich erkennbar.
Der im Winter vom Bosporus wehende scharfe Nordwind ist der größte Feind dieser Villen. Besonders die nach Norden ausgerichteten Holzfassaden müssen jedes Jahr gepflegt werden. Deshalb sieht man bei den erhaltenen Villen fast immer laufende Restaurierungsarbeiten.

Architektonische Spuren des Übergangs vom Spätosmanischen Reich zur Republik
In den Villen, die zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurden, zeigen sich zunehmend Einflüsse des Jugendstils. Besonders in Türklopfern, Treppengeländern und Deckenverzierungen verbindet sich dieser aus Europa kommende neue Stil auf faszinierende Weise mit der traditionellen osmanischen Holzbearbeitung.
Die in manchen Eingangshallen zu sehenden Mosaikböden und Bleiglasfenster sind greifbare Zeugnisse des Reichtums jener Zeit. Diese Details erinnern daran, dass es sich bei diesen Bauten nicht nur um Wohnhäuser, sondern auch um Statussymbole handelte.
Heute werden viele dieser Villen als Privatbesitz geschützt, ein Teil dient jedoch als Boutique-Hotel, Restaurant oder Kulturzentrum. Dennoch sind nur sehr wenige für die Öffentlichkeit zugänglich, sodass man die originalen Putz- und Farbschichten in den Innenräumen kaum sehen kann.

Die wahren Kosten der Erhaltung dieser Villen heute
Das größte Problem beim Erhalt einer Villa am Bosporus sind Feuchtigkeit und Salz. Die vom Meer kommende Feuchtigkeit bedroht das Holz ständig. Besitzer, die das originale Holz erhalten möchten, müssen daher jedes Jahr ein erhebliches Budget für die Pflege einplanen.
Einige Villen wurden im Laufe der Zeit zu Museen oder Stiftungsgebäuden umgewandelt. Diese Umnutzung ist zwar positiv für die Öffnung gegenüber der Öffentlichkeit, hat jedoch die originalen Spuren des gelebten Lebens in den Innenräumen weitgehend verwischt.
Wenn Sie am Bosporus entlangspazieren und diese Villen betrachten, sehen Sie weit mehr als nur ein architektonisches Erbe. Sie sehen das gesellschaftliche Leben einer Epoche, Familienstrukturen und ein ästhetisches Empfinden. Sie zu schützen bedeutet weit mehr, als nur Holz zu bewahren.

Wenn Sie eine dieser Villen aus der Nähe erleben möchten, ist der beste Weg, im Frühling in den frühen Morgenstunden mit dem Boot über den Bosporus zu fahren. Zu dieser Zeit bringt das Licht die Fassadendetails am besten zur Geltung. Vielleicht sitzen Sie beim nächsten Mal selbst auf einem der Steinpiers, lauschen dem Meeresrauschen und fragen sich, warum diese Holzbauten immer noch so standhaft sind.