Holzfassaden von Bebek bis Kandilli
Letzten Herbst fiel mir bei einer Bootsfahrt von Kandilli nach Bebek besonders auf, wie die tiefen Schatten der untergehenden Sonne die hölzernen Fassaden der Yalis betonten. Manche Villen liegen direkt am Wasser, andere setzen mit einer leicht erhöhten Gartenmauer etwas Abstand zum Bosporus. Dieser Abstand diente nicht nur der Sicherheit, sondern auch als Schutz vor Hochwasser.
Das in vielen Yalis aus dem späten 19. Jahrhundert zu findende Erker-System erweitert nicht nur den Innenraum, sondern ermöglicht auch unterschiedliche Blickwinkel auf die ständig wechselnde Bosporus-Landschaft. Besonders bei den Beispielen entlang der Kandilli- und Vaniköy-Linie haben die geschnitzten Holzkonsolen unter den Erkern ihre originale Handwerkskunst bis heute bewahrt.
Die Erdgeschosse dieser Villen sind meist aus Stein oder Ziegel gemauert, die Obergeschosse hingegen vollständig in Holzfachwerkbauweise. Der hohe Fensteranteil an den wasserseitigen Fassaden sorgt dafür, dass die Innenräume bestmöglich mit Licht versorgt werden.

Gartenanlage und Innenhöfe in Emirgan und Yeniköy
Betritt man in Yeniköy einen etwa 30–40 Meter von der Uferstraße zurückgesetzten Yali-Garten, begrüßen einen zunächst mächtige Platanen und Linden statt des zweigeschossigen Holzbaus. Diese Gärten dienen nicht nur der Ästhetik, sondern spenden im Sommer Schatten und kühlen die feuchte Brise vom Bosporus.
In vielen Yalis aus der späten Osmanischen Zeit umfasst der Garten auch den Innenhof zwischen den Flügeln des „T“- oder „U“-förmigen Hauses. Diese Höfe schützen im Winter vor Wind und schaffen im Sommer einen kühlen Rückzugsort. Der alte Istanbuler Naturstein ist in vielen Yalis am Boden noch heute zu sehen.
Heute sind einige dieser Gärten erhalten, andere wurden im Laufe der Zeit parzelliert. In den erhaltenen Anlagen fallen neben alten Zypressen und Lorbeerbäumen auch später hinzugefügte exotische Pflanzen auf.

Grundriss und Lebensfluss im Inneren
Das Beeindruckendste an einer Yali ist das sofort spürbare Raumgefühl, sobald man die Wasserseite betritt. Der zentrale „Sofa“ genannte Hallenbereich findet sich sowohl im Unter- als auch im Obergeschoss. Diese Hallen verbinden alle Räume miteinander und vermitteln ein tiefes Erlebnis der Bosporus-Aussicht.
Auch wenn die strenge Trennung von „Harem“ und „Selamlık“ in den oberen Etagen meist aufgehoben ist, folgt die Raumaufteilung noch immer diesem Prinzip. Große, zum Wasser gelegene Zimmer sind für Gäste und Familie reserviert, während die kleineren Räume zur Rückseite hin für Service und Lagerung genutzt werden.
Die feinen Malereien an den Holzbalkendecken und die perlmuttverzierten Schranktüren sind die greifbarsten Zeugnisse des Handwerks jener Epoche. Besonders in Bauten aus dem frühen 20. Jahrhundert sind Art-Nouveau-Einflüsse deutlich erkennbar.

Was passiert heute? Nutzung und Denkmalschutz
Die meisten Yalis dienen nicht mehr als private Wohnhäuser. Ein Teil wird als Boutique-Hotel oder Restaurant genutzt, ein bedeutender Anteil wurde von Stiftungen oder der Stadt restauriert und in Kulturzentren umgewandelt. Die Qualität der Restaurierungen variiert jedoch stark von Objekt zu Objekt.
Besonders entlang der Strecke zwischen Anadolu Hisarı und Çengelköy nimmt die Zahl der Yalis mit erhaltener originaler Holzkonstruktion stetig ab. Betonverstärkungen und falsche Materialwahl beeinträchtigen bei manchen Bauten den ursprünglichen Charakter erheblich.
Dennoch werden in den letzten Jahren dank wachsenden Bewusstseins einige Villen mit großer Sorgfalt originalgetreu restauriert. Die größte Herausforderung dabei ist es, qualifizierte Handwerker für die originale Holzarbeit zu finden und diese zu angemessenen Preisen zu beauftragen.

Noch verfügbare Chancen in Arnavutköy und Bebek
Beim Spaziergang durch die engen Gassen von Arnavutköy tauchen plötzlich hölzerne Stadthäuser auf – bescheidener als die Bosporus-Yalis, aber ebenso wertvoll. Diese Bauten stammen meist aus der Zeit vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre. Die Erker und kunstvollen Schmiedearbeiten an den Fassaden spiegeln den Geschmack des damaligen Istanbul wider.
In Bebek findet man hingegen größere Villen. Diese liegen meist in Gärten und bieten Bosporus-Blick, haben aber keinen direkten Wasserzugang. Die Unterhaltskosten solcher Immobilien sind heute sehr hoch – insbesondere muss die Holzfassade alle 7–8 Jahre fachgerecht gepflegt werden.
Bei der Besichtigung solcher Objekte sollte man besonders auf die Schäden durch Feuchtigkeit und Salz achten. Selbst in 150–200 Metern Entfernung zum Wasser bedrohen die Bosporus-Feuchtigkeit und das Salz das Holz kontinuierlich.

Die alten Yalis und Stadthäuser Istanbuls bestehen nicht nur aus Stein und Holz. Jedes hat seine eigene Geschichte, hinter jedem Erker hat sich ein Leben abgespielt. Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, ein solches Objekt zu erwerben oder zu restaurieren, empfehle ich Ihnen, zunächst lange zu beobachten, zuzuhören und zu verstehen, was das Gebäude Ihnen erzählt. Denn diese Häuser sprechen – man muss nur genau hinhören.